Déjà-vu: GIFs bei den Olympischen Spielen 1900, 2012 und 2016

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Runde um Runde dreht sich die Turnerinnen am Reck. Endlos. Immer wieder auf die gleiche Weise. Eigentlich müsste die sportliche Ausdauer irgendwann nachlassen, aber im GIF ist die Bewegung in einer Schleife festgehalten, die so lange anhält, wie die Betrachter in ihrer Schaulust ausharren. Wiederkehrende Bewegungen gehören zu den klassischen GIF-Motiven, egal ob von Mensch, Tier oder Maschine, ob Tanz, Produktionsstraße oder eben Leibesertüchtigung.

Turnübungen sind damals (hier von Ottomar Anschütz) wie heute ein beliebtes Bewegtbild-Motiv.
Turnübungen sind damals (hier von Ottomar Anschütz) wie heutzutage ein verbreitetes Bewegtbild-Motiv.

Längst nicht immer ist das Motiv eine perfekte Kür oder überhaupt ein Loop, auch Fails oder andere Ausschnitte sind beliebt. Auf jeden Fall aber sind sportliche Ereignisse einer der häufigsten Motivgeber für GIFs.

Vier Jahre – eine Olympiade also – liegt der Hype um den 25. Geburtstag des GIF-Dateiformats nun zurück. Dieses Jubiläum markiert in der Geschichte der GIF-Kultur die Phase, in der sich GIFs einer sehr breiten Publikumsmasse als Kulturtechnik erschlossen. Wir erinnern uns: Das Oxford Dictionary hat „gif“ zum Wort des Jahres erkoren, zahlreiche Rückblicke auf die vergangenen GIF-Dekaden waren in den Medien zu lesen und vor allem wurden sie als journalistisches Medium entdeckt.

Diesen neuen Anwendungsbereich haben GIFs wohl unter anderem den Olympischen Spielen in London zu verdanken, die im gleichen Jahr stattfanden. Dank einer Animation von einer Turnübung in permanenter Wiederholung werden die Feinheiten des Sports besonders gut sichtbar. Das, worauf die geschulten Augen der Jury achten, wird hierbei auch für andere besser zu analysieren und das Jury-Urteil wird besser nachzuvollziehen.

Schon mehr als hundert Jahre zuvor bestand der Wunsch, die Bewegung von Mensch und Tier besser analysieren zu können und bereits damals wurden Serienbilder eingesetzt. Die Chronofotografie des galoppierenden Pferds, aufgenommen von Eadweard Muybridge, genießt noch immer große Bekanntheit. Nicht nur er, auch Zeitgenossen wie Etienne-Jules Marey, Ottomar Anschütz, Georges Demenÿ und einige weitere hatten menschliche Bewegungsabläufe als Motiv für ihre Bilderserien erkannt. Mit ihren Chronofotografien hielten sie häufig Menschen fest, dierannten, Treppen stiegen, Purzelbäume schlugen oder ähnliches – und das nicht selten fast nackt.

Während dieser Vor- und Frühgeschichte des Kinos fertigte Marey bei den Olympischen Spielen in Paris im Jahre 1900 Fotoserien von den Sportlern an. Hierfür benutzte er einen kuriosen Apparat, der mehr an ein Gewehr als an eine Kamera erinnert und meterweise Film in kurzer Zeit in Fotoserien verwandelte. So wie GIFs heute die sportlichen Bewegungsabläufe besonders gut für das Publikum sichtbar machen, konnte Marey auf ähnliche Weise die Technik der Sportler aus anderen Ländern auskundschaften.

Durch eine genaue Analyse der einzelnen Aufnahmen waren mehr Details zu erkennen als mit bloßem Auge während des Wettkampfes selbst. Nicht nur konnte er erkennen, dass die Olympioniken aus den USA wegen ihrer besseren Technik siegten, das gesammelte Bildmaterial konnte später eingesetzt werden, um seinen französischen Landsleute später eben jene sportlichen Techniken beizubringen.

Eine Animation der Serienbilder war nicht Mareys eigentliches Interesse. Da er die Fotografien für Analysezwecke erstellte, ging es ihm vor allem um die einzelnen Standbilder. Heutzutage ist es andersherum. Die Feinheiten der sportlichen Bewegung werden mithilfe von Loops besonders anschaulich, ohne dabei den Bewegungsfluss außen vor zu lassen.

In den letzten Jahren seit den Olympischen Spielen in London hat sich der Gebrauch von GIFs im Online-Journalismus natürlich weiterentwickelt. Sie werden vorrangig zu Unterhaltungszwecken eingesetzt, etwa um „die besten Momente“ eines Films oder einer Serie zu rekapitulieren. Sport-GIFs kommen dabei nicht zu kurz, wie in diesem Beitrag mit Tennis-GIFs, die angeblich zum lachen, weinen und schreien anregen (Clickbait ick hör dir trapsen), oder zahlreichen Football-GIFs auf Twitter, die bereits Konflikte mit der NFL (US-Football-Liga) nach sich zogen.

Trotz aller Nachteile und Limitationen des GIF-Formats kann es angemessen für Berichterstattung oder sogar Wissensvermittlung eingesetzt werden und zeigt vor allem beim Sport seine Stärken. Aber gerade angesichts dessen, dass GIFs selbst im journalistischen Kontext mit Vorliebe zur Unterhaltung eingesetzt werden, bleibt es abzuwarten, ob die Olympischen Spiele 2016 das Potenzial von Animationen ausschöpfen, so wie 2012, oder ob GIFs im Journalismus doch nur zum Clickbait-Instrument verkommen werden.

Literaturtipp zu den Arbeiten von Marey, u.a. bei den Olympischen Spielen:
Braun, Marta (1994): Picturing Time. The Work of Etienne-Jules Marey (1830-1904). Chicago: University of Chicago Press.

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