Der, die oder das GIF?

This article is about a German linguistic phenomenon, so I’ll switch to German. Just one point: TIL that the conflict between /ˈdʒɪf/ and /ˈɡɪf/ (and, well, /ˈdʒaɪ̯f/) pronounciation is not the only linguistic diversity that comes along with GIFs. While the pronounciation doesn’t cause that much of a dispute among Germans, we have to deal with “der”, “die” and “das”…

Vor kurzem bin ich zufällig Zeuge einer kleinen kognitiven Dissonanz bei mir selbst geworden. Für mich war immer “Das” der bestimmte Artikel der Wahl, wenn es um GIFs ging. Und da staunte ich natürlich nicht schlecht, als ich darüber stolperte, wie jemand “die GIF” schrieb. Nicht im Plural “die GIFs” oder in einer Zusammensetzung “die GIF-Animation”. Einfach nur “die GIF”.

Ok, bevor es weiter geht könnte eine kleine Anmerkung angebracht sein: Ich möchte keine Tirade vom Zaun brechen wie das mitunter bei der leidigen Diskussion geschehen ist, ob es nun das oder der Blog heißt. Ich will nur meine Beobachtungen festhalten und überlegen, was daraus für Schlüsse zu ziehen sein könnten.

Aber von vorne.
Tatsächlich vertreibe ich mir ab und an die Zeit damit, bei Twitter nach “GIF” zu suchen. Also absichtlich nicht nach dem Hashtag #gif, sondern einem allgemeinen Suchbegriff. Einige der Links aus der monatlichen Linkschleuder finden so den Weg zu mir – obwohl bei gefühlt mehreren Dutzend neuer Tweets pro Sekunde, die das Wort “GIF” beinhalten, natürlich das meiste glücklicherweise an mir vorbeigeht.

Der Vorteil daran, sich aus diesem Ungetüm von Stream aus abertausenden Tweets nur in einem kurzen Zeitraum willkürlich Tweets herauszugreifen, ist ganz einfach, dass wirklich irgendwelche Tweets auftauchen. Einer von diesen irgendwelchen war dann der Auslöser dieses Textes. Der Tweet stammt von @chorofreak und ich habe keinen blassen Schimmer wer das ist und worum es genau geht:

@ChoroFreak:
Okay, auf der Startseite seh ich die GIF nicht mehr.. xD

Aber dort steht “die GIF”. Die logische Konsequenz dieser Entdeckung war eine genauere Suche. Also tippte ich nacheinander “die GIF”, “diese GIF” und der Vollständigkeit halber auch “der GIF”, “dieser GIF” und “diesen GIF” in die Twittersuche ein. Und ohne nun alle Fundstücke präsentieren zu wollen oder überhaupt repräsentativ den Artikelgebrauch abbilden zu können, lassen sich ein paar Punkte festhalten (alle erst einmal nur im Bezug auf Twitter).

  • Sowohl “der”, “die” und “das” sind als Artikel von “GIF” in Gebrauch
  • teilweise zeigen die Beiträge Unsicherheiten darüber, welcher Artikel passt
  • mein subjektiver Eindruck ist, dass “der GIF” eine seltene Randerscheinung, “die GIF” bereits bemerkenswert oft zu finden und “das GIF” am geläufigsten ist.

Bevor ich mich abschließend noch an Deutungen versuche, hier noch ein paar Beispiele (bei der Auswahl ist mir völlig egal wer die Leute sind, es geht hier nur um das jeweils Geschriebene):

@0vidios:
So, erstmal diese Gif Vollbild über Nacht laufen lassen… #GuteNacht #TinyAndBig #Upload

@KingHassGewalt:
Ich feier diese .gif hab gestern 1 Stunden gebraucht bis ich die hatte…

Mit orthografischer Sorgfalt hat die Entscheidung über den Artikel anscheinend (erwartungsgemäß) nichts zu tun. Für jede Variante lassen sich Tweets finden, die jeweils die Rechtschreibregeln beachten oder eben nicht, wie im Falle des zweiten Beispiels oben vom Twitternutzer mit dem fragwürdigen Nutzernamen. Und es sind auch solche Beispiele anzutreffen, in denen der Artikel eindeutig grammatikalisch falsch verwendet wird:

@daswarkeinhuhn:
Hab mich fast eingeschissen bei diesen GIF :D

Nicht dass Tippfehler bei Twitter unverzeichlich wären. Ich möchte damit nur zeigen, dass die grammatikalische Abweichung beim Artikel nicht automatisch mit orthografischem (Un-)Geschick in Zusammenhang gebracht werden kann. Trotzdem kommt es teilweise zu Verwirrungen:

@xJakusia:
Ich poste das der die gif jetzt nochmal weil ich mich so lustig finde

@Jaycee74:
Das GIF des Tages: Unexpected Reactions ;) Diese GIF hätte auch ohne Probleme bei mir aufgenommen werden…

Im ersten Beispiel werden ganz pragmatisch einfach alle drei Artikel gemeinsam verwendet. Im zweiten hingegen in verschiedenen Sätzen auch unterschiedliche Artikel. Was der Grund für die Verunsicherung ist, lässt sich nur vermuten. Womöglich ist den jeweiligen Personen das Phänomen GIF noch so neu, dass sie noch keinen Artikel zuordnen können. Oder sie haben bei anderen schon verschiedene Artikel in Verwendung gesehen und sind deshalb unschlüssig. Natürlich gibt es auch Beispiele, bei denen einfach mal nach dem Artikel gefragt wird:

@SueSueSue_:
Heißt das überhaupt “Dieses GIF?” Oder etwa das GIF oder der GIF die GIF?

@MicheleMosso:
@SueSueSue_ the Gif

@Shanalotte:
Zur Feier dieses Ereignisses gebe ich euch dieses (diesen?) gif

‏@wunschvoll:
@TobiHorst [sic] diese

Und wenig überraschend liefern die Antworten keine der erwarteten Möglichkeiten, sondern schlagen nur noch eine weitere Alternative vor. Denn – und Obacht, hier kommt ein erstes, versöhnliches Fazit – niemand kann vorschreiben, welcher Artikel der “richtige” für das Wort “GIF” ist. Da ich von Sprachwissenschaft zwar im Grunde keine Ahnung habe, aber eine Bibliothek bedienen kann, hab ich einfach mal nachgeschlagen, auf welcher Basis sich das Genus bei Substantiven herausbildet. Denn genau darum geht es hierbei: Kann die Frage, welcher Artikel das Wort “GIF” hat, irgendwie durch einen gesellschaftlichen Diskurs entschieden werden, geschieht das durch besonders prominente Vorbild-Sprecher, entscheiden wir das aus einem Sprachgefühl heraus automatisch oder gibt es eine andere Erklärung?

Wie es scheint liegt in der Sprachwissenschaft eine gewisse Uneinigkeit zum Thema Genus vor. Brigitte Schwarze fasst die Lage in “Genus im Sprachvergleich” folgendermaßen zusammen:

Halten wir an dieser Stelle fest, dass hinsichtlich der Beurteilung der Genuskategorie innerhalb der Sprachwissenschaft vor allem drei Positionen prominent sind: Das Genus wird mal als funktionale, mal als semantische bzw. semantisch motivierte, mal als funktions- und bedeutungslose Kategorie betrachtet.
(Schwarze, S. 80)

Besonders schön schräg finde ich ja die dritte Variante – warum sollten wir ein Genussystem haben, wenn es völlig nutzlos sei?:) Aber egal. Weiterhin beschreibt sie, dass wir bei Fremdwörtern anscheinend zuverlässig schon intuitiv ein einheitliches Genus zuweisen (vgl. S. 87). Anders gesagt ist also keine große Absprache unter allen Sprechern einer Sprache nötig, um das Genus eines Fremdwortes auszuwählen. Stattdessen wählen die Sprecher unabhängig voneinander recht zuverlässig das gleiche Genus (also den gleichen Artikel) aus. Nun gut, wie zuverlässig “recht zuverlässig” ist kann man ja sehen. Dafür ist GIF natürlich nicht das einzige Beispiel. Aber vielleicht auch nur eine der Ausnahmen von der Regel. Mitunter sprechen Worte dann wohl bei manchen Menschen andere innere Sprachregeln an als bei anderen. Schließlich heißt es dann noch:

Ein Regelsystem, welches sich auf das nominale Lexikon des Deutschen insgesamt anwenden ließe, ist unseres Wissens jedoch noch nicht erstellt.
(Schwarze, S. 130)

Na fein. Immerhin gibt es an gleicher Stelle noch den Hinweis auf ein anderes Werk, nämlich “Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich: Das Genus des Substantivs” von Ursula Hoberg (2004). Und dort habe ich tatsächlich eine recht umfangreiche Liste an möglichen Regeln gefunden. Kurz zur Erinnerung: GIF ist ein Lehnwort aus dem Englischen und zudem noch eine Abkürzung. Was also ist dazu in besagtem Text zu lesen?

Kürzungen von Substantiven übernehmen in aller Regel das Genus der Vollform bzw. – im Fall von Nominalphrasen – das Genus des Kopfes der NP.
(Hoberg, S. 91)

Anders gesprochen wird bei Abkürzungen das Genus vom letzten Teil der Abkürzung abgeleitet (ähnlich also wie bei Zusammengesetzten Subsativen). Im Falle von “Graphics Interchange Format” kann man von Glück reden, dass das letzte Wort im Deutschen das gleiche ist, sodass die Bezugnahme nicht schwer fällt. Und da es das Format ist, wird es eben das GIF genannt – so zumindest wäre eine mögliche und simple Erklärung. Da die Regeln zur Genuszuweisung aber unglaublich vielfältig sind, will ich wenigstens noch den zweiten Punkt mit in Betracht ziehen, nämlich dass GIF ein englissches Lehnwort ist.

“Bei entlehnten Sachbezeichnungen ist die Genuszuweisung stark vom Prinzip der semantischen Analogie bestimmt, d.h., es wird das Genus des ‚naheliegendsten deutschen Äquivalents‘ (Gregor 1983, S. 59) gewählt.”
(Hoberg, S. 110; Hervorhebung im Original)

Und hier könnte der Schlüssel dafür liegen, dass es auch Beispiele für “die GIF” gibt. Wenn man als nächstliegenden Verwandten zum GIF auf Deutsch das Wort “Bild” sieht, dann wären wir wieder beim Neutrum. Natürlich ist das aber nicht die einzig mögliche Deutung. Mit Analogien zu “Grafik” oder “Animation” ist man nämlich ganz schnell bei “die GIF” angelangt. Woher allerdings “der GIF” abgeleitet sein könnte fällt mir auf die Schnelle nicht ein.

Mit letzter Gewissheit wird sich, zumindest von meiner Seite, wohl nicht so einfach ergründen lassen, wie die unterschiedlichen Artikel zustandekommen. Interessant finde ich die Diskrepanz in der Wahl des Artikels aber dennoch. Denn vielleicht zeichnet sich damit ein ähnlicher Unterschied zwischen Nutzergenerationen ab wie bei der Blog vs. das Blog. Bleibt nur zu hoffen, dass die entsprechende verbale Keilerei ausbleibt.

Nur zur Sicherheit möchte ich betonen: Ich bin kein Linguist und das hier ist keine wissenschaftliche Arbeit. Ich halte nur meine Beobachtungen fest, mache mir meine Gedanken darüber und lade alle herzlich dazu ein, sie zu überprüfen und weiterzuführen.

Fußnoten:

1 – Hoberg, Ursula (2004): Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich: Das Genus des Substantivs. In: Institut für Deutsche Sprache (Hrsg.): Arbeitspapiere und Materialien zur deutschen Sprache. Nr. 3(2004). Mannheim: amades.

2 – Schwarze, Brigitte (2008): Genus im Sprachvergleich. Klassifikation und Kongruenz im Spanischen, Französischen und Deutschen. Tübingen: Narr.

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3 thoughts on “Der, die oder das GIF?

  1. Ich benutze auch “das” und “die”, da ich mir die Endungen an das Wort denke. Das GI-Format oder auch das GIF-Bild oder die GIF-Datei (:

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