GIF-Geschichte Teil 3: Die Entdeckung der Animation

Vorherige Artikel der Serie: Einleitung, Teil 1, Teil 2.

First GIF of the web
Source: www.dvice.com

Das GIF-Format war eines der ersten Bildformate, das von Browsern dargestellt wurde und war über lange Zeit auch das beliebteste. Somit war es in den ersten Jahren des WWW de-facto ein Standard für die Darstellung von Bildern im Netz. Die Legende will es, dass das erste Foto im WWW das oben zu sehende (nicht animierte!) GIF der “Horribles Cernettes” gewesen sei. Als PNG antrat, um eine Alternative zu bieten, war die Möglichkeit, mit GIFs Animationen zu erzeugen noch völlig unbekannt. In der Literatur ist noch Mitte der Neunzigerjahre etwa in den entsprechenden Kapiteln der „Encyclopedia of Graphic Formats“ oder in „Graphic File Formats“ keine Rede von Animationen, sondern bestenfalls von „multiple images“*⁴. 1996 jedoch erschien mit „GIF Animation Studio“ eine Anleitung zur Gestaltung animierter Inhalte auf Internetseiten. Darin stehen die äußerst treffenden Worte:

The face of the web is changing. It’s a far cry from the text and graphics medium it was a year or so ago. Today, the Web is moving, making sounds, constantly grabbing your attention, raising the noise level. GIF animation is a part of that process.*⁵

Im gleichen Werk findet sich der Verweis auf einen Artikel von Andrew Leonard auf webreview.com vom 9. Februar 1996. Im Original ist dieser zwar nicht mehr im Netz aufzufinden, doch das Internet Archive hat noch noch eine Kopie vorzuweisen.*⁶ Dankenswerterweise wurde dort neben dem Text noch die GIF-animierte L-Initiale am Anfang des Artikels als Kleinod des GIF-basierten Seitendesigns bewahrt.

Leonard berichtet von der (Wieder-)Entdeckung der Animationsmöglichkeit mithilfe von GIF-Dateien. Anfang 1995 suchte der deutsche Programmierer Heiner Wolf einen Weg, Anima­tionen im Web darzustellen und stieß dabei in den GIF-Spezifikationen auf die Serienbild-Funktion.*⁷ Da zur Anzeige von GIFs keine Vorgaben definiert waren, konnte zu diesem Zeitpunkt noch kein Browser animierte GIFs darstellen. Um diesem Missstand zu begegnen, verbreitete Wolf seine Idee, in der Hoffnung, jemand mit den entsprechenden Mitteln nehme sich des Problems an. Bald erfuhr Netscape davon und ermöglichte die GIF-Anzeige in ihrem Browser Netscape Navigator, ohne diese neue Funktion jedoch publik zu machen.*⁸

Weshalb dies nicht geschah, lässt sich nur schwer vermuten, doch die Umstände für GIF waren zu diesem Zeitpunkt nicht besonders gut – es war kaum ein Jahr her, dass UniSys begann, Gebühren einzufordern (vgl. Teil 1). Da mit PNG eine vielversprechende Alternative gefunden war, wurde GIF womöglich ohnehin keine große Zukunft zugestanden. Oder Netscape befürchtete durch eine Neuerung bei der Einbindung von GIFs auch erneut anfallende Gebühren. Wie dem auch sein mag, allgemein bekannt wurde die Möglichkeit, animierte GIFs darzustellen, erst im Dezember des Jahres 1995. Ähnlich wie Wolf suchte Royal Frazier nach einfachen Animationsmöglichkeiten im Internet, entdeckte ebenso Animierte GIFs und verkündete diese Meldung in verschiedenen Newsgroups.*⁹ Im Test, welcher Browser diese anzeigte, konnte lediglich der Netscape Navigator bestehen. Später zogen andere Browser nach.

Zwar wurde kein Standard definiert, wie GIFs als Animationen angezeigt werden sollen, dennoch geschah dies in verschiedenen Browsern generell in der gleichen Weise.*¹⁰ Die in der Datei enthaltenen Einzelbilder wurden nacheinander angezeigt. Obwohl die Animation nicht die ursprüngliche Intention war, lassen sich Zeitabstand und Anzahl der Bilddurchläufe definieren. Besteht diese Bilderserie aus unzusammenhängenden Abbildungen, ähnelt der durch die Abfolge der Bilder entstehende Effekt am ehesten einer Diaschau. Doch bei aufeinander aufbauenden Bildern einer Bewegungsserie, die in  großer Geschwindigkeit nacheinander angezeigt werden, entsteht unter diesen Umständen eine Animation. Der entstehende Effekt lässt sich vereinfachend beispielsweise mit der eines Daumenkinos*¹¹ oder des Animationsfilms*¹² veranschaulichen. Bei genügend großem Abspieltempo entsteht durch Nachbild– und Stroboskopeffekt die Illusion einer Bewegung. Die Verwandtschaft zum Kino und dessen Vorläufern ist offensichtlich. Ähnlich der Arbeitsweise des Animationsfilms kann bei GIFs das erste Bild der Serie als Hintergrund dienen und die weiteren Bilder legen sich wie Folien darüber (hierbei erweist sich die mögliche Transparenz eines GIFs als Vorteil).

Aufgrund dieser einfachen Funktionsweise blieb GIF trotz der Lizenzprobleme ein beliebtes Gestaltungsmittel auf Internetseiten. Für Einzelbilder bestand mit PNG eine bessere Alternative, die sich zunehmender Beliebtheit erfreute. Doch was Animationen anbelangt, waren GIFs ihrerseits das Format der Wahl. Animationen sind bereits rudimentär mittels bspw. Macromedia Shockwave möglich gewesen, für einfache oder kleine Animationen war dies aber kom­plexer als nötig.*¹³ Demgegenüber bieten GIFs gewisse Vorteile, welche in GIF Animation Studio zusammengefasst werden:*¹⁴

  • Das Anschauen von GIFs ist unabhängig von speziellen Programmen oder Plugins
  • GIF ist ein Standard-Dateiformat und wird somit weitgehend unterstützt
  • GIF-Dateien sind einfach selbst zu erstellen und hierfür standen eine Vielzahl an Programmen auf unterschiedlichen Betriebssystemen zur Verfügung
  • GIFs werden bereits während des Ladens angezeigt, anders als etwa bei Shockwave.

Selbst die gegenüberstehenden Nachteile (GIFs können keinen Ton abspielen und ermöglichen keine Interaktion) standen der Etablierung von GIFs als gestalterischem Mittel auf Internetseiten vorerst nicht im Weg, sodass dies zum ersten weithin genutzten Anwendungsbereich animierter GIFs wurde. Insbesondere die bei GeoCities angesiedelten Internetseiten waren ein Schauplatz der Einbeziehung von GIFs in die Seitengestaltung, wobei neben sich drehenden Erdbällen, rotierenden @-Zeichen und „Under Construction“-Schildern auch schon erste künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Format zu beobachten waren.

Das Internet wäre nicht das Internet, wenn es sein Gesicht nicht stetig innerhalb weniger Jahre völlig verändern würde. So war es auch während dieser ersten Blütezeit animierter GIFs um die Jahrtausendwende. Neue Ansätze für Webdesign entwickelten sich und andere Wege, um Animationen im Netz darzustellen, kamen auf. Aber nach wie vor sind GIFs heute noch an jeder Ecke des Internets anzutreffen. Wie es dazu kommen konnte, dass sie ihren Weg von den Zappelbildern der späten Neunziger bishin zu den Meme-Schleudern des heutigen Internets gebracht haben, werden Teil 4 und 5 dieser kleinen Serie erzählen.

 

Fußnoten:


1 – Vgl. Niederst, Jennifer (2002): „Webdesign in a Nutshell“, O’Reilly, Peking (u.a.), deutsche Ausgabe, S. 357.

2 – Murray, James D.; VanRyper, William (1994): „Encyclopedia of Graphic File Formats“, O’Reilly, Sebastopol (Kalifornien).

3 – Kay, David C.; Levine, John R. (1995): „Graphics File Formats“, Windcrest/McGraw-Hill, New York (u.a.).

4 – Vgl. a.a.O., S. 97.

5 – Vgl. Koman, Richard (1996): „GIF Animation Studio. Animating Your Web Site“, O’Reilly, Sebastopol (Kalifornien), S. 1.

6 – Die Verweise sind dennoch auf die gedruckte Fassung, wie sie in Auszügen in Koman, Richard (1996) erschien, ausgewiesen.

7 – Vgl. Koman, Richard (1996), S. 4.

8 – Vgl. a.a.O.,  S. 5.

9 – Vgl. a.a.O.,  S. 4-5.

10 – Vgl. Miano, John (1999): „Compressed Image File Formats: JPEG, PNG, GIF, XBM, BMP“, Addison-Wesley, Reading (Massachusettes) u.a., 2. Auflage 2000, S.186.

11 – Fischer, Sven (2002) nennt GIFs auf S. 138 („Grafikformate ge-packt“, mitp, Bonn) „eine Art digitales Daumenkino“, obgleich natürlich auch das Daumenkino selbst im eigentlichen Sinne digital ist.

12 – Vgl. Koman, Richard (1996), S. 6.

13 – Vgl. a.a.O., S. ⅷ.

14 – Vgl. a.a.O., S. 2f.

Advertisements

3 thoughts on “GIF-Geschichte Teil 3: Die Entdeckung der Animation

write comment

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s